Abrisse dort, lieblose Dächer hier

In Frankfurt gammelt erhaltene historische Bausubstanz vor sich hin

Dieser von der BFF-Fraktion in Auftrag gegebene Beitrag liefert einen Einblick in deren Arbeit. Er zeigt, dass der Fraktion eine positive Stadtentwicklung und -reparatur von großer Wichtigkeit ist.

Das zu diesem Beitrag gemachte Fotomaterial finden Sie unter dem Link:

http://www.bff-frankfurt.de/artikel/index.php?id=1040

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Sie denken, die 1970er Jahre sind längst vergangen? Die Abrisse historischer Gebäude wären einer behutsamen Pflege von Bausubstanz gewichen? Da täuschen Sie sich.


In Deutschland wird an historischen Gebäuden abgerissen, was das Zeug hält. Die derzeitige Niedrigzinsphase und der Bauboom dürften ihren Beitrag dazu leisten. Vor allem Klein- und Mittelstädte sind davon betroffen. Dass sich die Situation in den Großstädten wie Frankfurt derzeit ein wenig anders verhält, hat seine spezifischen Gründe. Sehr viel historische Substanz zum Abreißen ist hier nämlich gar nicht mehr vorhanden. Ebenfalls ist auffällig, dass sich die schwerwiegenden Abrisse auf den Westen Deutschlands, und hier stärker auf den reichen Süden, konzentrieren.

Während in den östlichen Bundesländern häufig fast einsturzgefährdete Ruinen wieder schmuck saniert werden (Gegenbeispiele wie Chemnitz, das sich als "Stadt der Moderne" zu positionieren versucht, bestätigen die Regel) geht man im vermeintlich wohlhabenden Westen weit sorgloser mit der ohnehin spärlicher vorhandenen historischen Bausubstanz um. Oft kommt es dabei zu dem bisweilen nur vorgeschobenen "Argument", das abgerissene Gebäude sei "nicht mehr sanierbar" gewesen.

Es zeigt sich, dass im Westen, vor allem im reichen Süden, die materielle Grundstimmung und die Entfremdung von der eigenen Geschichte stärker ausgeprägt sein dürften, als auf dem Gebiet, dass erst 1990 der Bundesrepublik angeschlossen wurde. Eine negative Vorreiterrolle übernimmt derzeit offenbar das Land Baden-Württemberg. Zu den Abrissen gesellen sich unmaßstäbliche Neubauten, die in Blockform in kleinteilige Wohnareale geklotzt werden. Die 60er Jahre lassen grüßen. Die Veränderung der Ortsbilder von der alten Gemütlichkeit hin zu weißen Flachdachkuben, die wärmegedämmt und schmucklos von Investoren hochgezogen werden, wird sehr anschaulich auf einer Internetseite über die Münchner Gartenstadt Harlaching dargestellt. Man schaue hier.

Einige Beispiele gefällig? Sie sind jeweils mit einem Link zu weiterführenden Presseberichten belegt.

Das "Weiße Haus" an der Hamburger Elbe steht nicht mehr. Die neobarocke Villa wurde 2014 abgerissen und wird nun durch ein, dem aktuellen neureichen Geschmack eher entsprechendes Gebäude im Bauhaus-Stil mit Flachdach ersetzt. In Rötgen an der belgischen Grenze wurde 2015 das "Ärztehaus", ein historistisches Gebäude mit Türmchen im Fachwerkstil, abgerissen. Es kam zu Protesten in der Einwohnerschaft. In Magdeburg wurde unlängst ein stattliches, aber leer stehendes, Gründerzeitmehrfamilienhaus abgerissen.

In Markneukirchen im Vogtland wurde vermutlich bereits die historistische "Alte Post" abgerissen, um die Fläche für einen Verkehrskreisel zu nutzen. Wenn noch nicht geschehen, steht der Abriss in diesem Jahr an. In Remscheid wurde unlängst die repräsentative Stockder-Villa im Stil der Neo-Renaissance abgerissen. An ihrer Stelle entsteht eine architektonisch belanglose Wohnanlage. Herfords Fußgängerzone ist seit kurzem auch um einen schmucken historistischen Bau ärmer. Dieser wird durch einen schmucklosen Bau im Flachdachstil ersetzt. Aalen konnte sich vor kurzem über neue Bürobauten freuen, nachdem man dort vor wenigen Jahren historistische Gebäude abgerissen hat.

In Freiburg wird einer der letzten historistischen Klinkerbauten an der Merzhauser Straße abgerissen, obwohl das Gebäude intakt ist. In Mühlhofen am Bodensee entschied man sich, ein altes Giebelgebäude für einen Neubau abzureißen, obwohl Bürger monierten, dass dadurch der sichtbare Bezug zur dörflichen Herkunft des Ortes verloren ginge. Ebenfalls am Bodensee, in Überlingen, wird gerade eine gemütliche Villa abgerissen, um sie mit einem mit Sicherheit höheren und größeren Neubau zu ersetzen.

In Mengen im Süden Baden-Württembergs sollen drei stattliche Fachwerkhäuser in der Altstadt weichen. Die Häuser aus der Zeit um 1700 oder älter sollen durch ein architektonisch unpassendes modernes Pflegeheim ersetzt werden. In Donauwörth hat unlängst eine Projektentwicklungs-GmbH Pläne zum Abriss zweier Fachwerkhäuser vorgelegt, die für eine Wohnanlage mit Doppelparker-Tiefgarage abgerissen werden sollen. Es handelt sich bei dem einen Abrisskandidaten offenbar um das älteste noch erhaltene Bürgerhaus Bayerns von 1317.

In Mössingen bei Tübingen soll ein stattliches Fachwerkhaus von 1616 abgerissen werden, das angeblich "nicht mehr sanierbar" sei, und durch einen halbwegs angepassten Neubau ersetzt werden. Die badische Gemeinde Lenzkirch ist gerade dabei, eine stadtbildprägende, leerstehende Villa von 1870 zu kaufen, um sie abreissen zu lassen, damit neuer Baugrund entsteht. Und in Wattenscheid wird gerade ein angeblich ruinöses Fachwerkhaus von 1629 abgerissen.

Zwar wütet hier weiterhin die Wärmedämm-Welle, die auch Häuser der Zwischenkriegszeit mit Sondermüll zuklebt, doch in Frankfurt stehen derzeit zumindest keine größeren Abrisse historischer Gebäude an. Das liegt schlicht daran, dass die Stadt die großen Abrisswellen der Nachkriegszeit bereits hinter sich hat. Man denke nur an die Zeit der Häuserkämpfe im Frankfurter Westend. Es sei nur an einige Gebäude erinnert, die einst der unsensiblen Spitzhacke zum Opfer fielen.

Das imposante Schauspielhaus an der Gallusanlage, ein Pendant zur Alten Oper, hatte den zweiten Weltkrieg weitgehend überstanden. In den 60er Jahren wurde es schließlich erweitert, dabei die Jugendstilfassade abgerissen und das neue Glasfoyer errichtet. Gegenüber, am Eingang der Gutleutstraße, hatte sich ein schmuckes Jugendstilgebäude erhalten. Es wurde um das Jahr 1970 durch einen störenden Neubau aus braunen Flachdachmodulen ersetzt. In der Biebergasse hatte sich ein Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert erhalten. Es wurde 1965 zugunsten eines Geschäftshauses mit glatter Glasfassade abgerissen. Sehr bekannt ist auch der Fall des im Jugendstil errichteten Schumann-Theaters am Bahnhofsplatz. Der in der Nachkriegszeit erhaltene und genutzte Bauwerk, wurde später einfach abgerissen und durch einen belanglosen Neubau ersetzt.

Dennoch existiert noch etwas an historischer Bausubstanz in der Frankfurter Innenstadt. Doch leider zeigt sich diese manchmal in einem nicht wünschenswerten Zustand. Wäre eine Rekonstruktion des Schumann-Theaters eine Langzeit-Aufgabe, so wäre kurz- und mittelfristig schon viel für das Stadtbild erreicht, wenn der verstümmelte Zustand vieler Gebäude der historistischen Epoche einer ansprechenden Sanierung weichen würde. Das beträfe vor allem die Dächer, aber teils auch die Fassaden. Zum Abschluss folgt somit nun eine Fotoreihe zu Frankfurts dringenden Sanierungskandidaten.

Gelegentlich ist die Verfassung mancher Gebäudefassaden jämmerlich, wenn man sie mit ihrem Originalzustand vergleicht. Dieser entstuckte Gründerzeitler befindet sich an der Konstablerwache. Man ahnt kaum, dass er einmal über eine reich geschmückte Fassade mit Eckturm verfügte (ganz unten).

Lieblos gestaltet präsentiert sich auch diese Fassade in der Alten Gasse. Harmloser fällt da dieser Fall in der Schillerstraße aus, bei dem nur die Zone von Erdgeschoss und 1. Obergeschoss unpassend gestaltet wurde. Ein bei zukünftigen Sanierungen zu behebender Fauxpas. Ähnlich abstoßend sieht es mit dem klobigen Nottreppenhaus im Parkhaus-Stil an der Liebfrauenschule aus, das erst in jüngster Zeit an das Gebäude angefügt wurde. Oft werden erhaltene historische Gebäude durch unangepasst und überdimensioniert errichtete Neubauten in unmittelbarer Nachbarschaft in negativer Weise bedrängt. Hier ein Beispiel aus der Neuen Mainzer Straße. Moderne Dachaufbauten, wie hier am Goetheplatz, schaden den historischen Fassaden optisch mal weniger...... mal mehr. Am schlimmsten sieht es allerdings aus, wenn man die Notdächer der 50er Jahre noch immer sehen muss, statt dem Gebäude durch eine Dachrekonstruktion endlich wieder seine alte imposante Würde zurück zu geben. Mehrere Beispiele dazu, angefangen mit der Großen Friedberger Straße. Das Gebäude der Deutschen Bank am Rossmarkt hatte einst eine elegantere Dachstruktur mit Dreiecksgiebel. Auch die gegenüber liegenden Gebäude sind verstümmelt. Sie waren einst mit Türmen und einer reichhaltigen Dachlandschaft geschmückt. Das trifft auch auf den Nordbau des Frankfurter Rathauses zu, dessen unpassendes Flachdach leider erst unlängst saniert wurde, so dass es uns noch eine Weile erhalten bleiben muss. Zuletzt, und ebenfalls äußerst schmerzlich, ist der bis heute nicht reparierte Verlust der Dachlandschaft der historischen Gebäude des Platzes Am Hauptbahnhof. Hier bestände, neben der Rekonstruktion des Schumann-Theaters, die Chance, durch eine Dachreparatur den in der Stadt ankommenden Reisenden ein beeindruckendes Entree und wirkliches "Willlkommen" entgegen zu rufen.

Das jahrzehntelange Desinteresse der diese Stadt regierenden Parteien an solchen Problemfällen zeigt allerdings, dass es ihnen immer noch nicht wirklich daran gelegen ist, Frankfurts optisches Erscheinungsbild im Sinne einer nachhaltigen Stadtreparatur zu verbessern. Sinn für die Schönheit der Stadt? Leider Fehlanzeige.

 

Marlis Lichtjahr