Das Loch inmitten Frankfurts soll verschwinden

Podiumsdiskussion zur Neugestaltung der Hauptwache

In Frankfurts Mitte klafft ein Loch. Es ist damit diesmal nicht das städtische Haushaltsdefizit gemeint, sondern der überdimensionierte Abgang zur B-Ebene an der Hauptwache. Diesem städtebaulichen Thema widmete sich letzte Woche ein Metropolengespräch der IHK Frankfurt unter dem Titel "Nachgeschaut: Stadtteil-, Quartiers- und Platzentwicklung: Die Frankfurter Hauptwache".

Dass der aktuelle Zustand des "Loches" hinter dem Café Hauptwache und die dortige Platzgestaltung unbefriedigend ist, ist bei so gut wie allen Stadtplanern allgemeiner Konsens. Immerhin soll sich an der Bespielung und Gestaltung des "Loches" nach der Eröffnung des MOMEM (Museum Of Modern Electronic Music) einiges kurzfristig zum Positiven ändern.

Das "Loch" ist das immer noch vorhandenes Resultat des Baus des unterirdischen Bahnhofs "Frankfurt (Main) Hauptwache" im Jahr 1968. Damals schuf man den heute überdimensioniert wirkenden Zugang zum Untergrund, so dass das historische Gebäude der Hauptwache teils immer noch wie auf einer Insel befindlich wirkt. Trotz eines für 2017 in Aussicht gestellten Architekturwettbewerbs ist das "Stadtloch" bis heute nicht geschlossen worden. Die Mühlen mahlen sehr langsam im Magistrat und der Verwaltung der Stadt Frankfurt.

In der Einladung zu dem Metropolengespräch der IHK wurde auch der Zustand der Konstabler Wache mit deutlichen Worten beschrieben: "Ebenso unbefriedigend stellt sich die Konstablerwache hinsichtlich der Gestaltung und Funktionalität dar. Beide Platzsituationen offenbaren heute ein städtebauliches Fiasko. Außer zaghaften und unbestimmten Absichtserklärungen, Terminversprechungen und verschobenen Realisierungswettbewerben hat sich an dem gestalterischen und städtebaulichen Dilemma dieser beiden, für Frankfurt so außerordentlich (eminent) wichtigen Plätze nichts getan."

So hatten die Vortragenden des Metropolengesprächs viel Stoff, sich zu der Problematik auszutauschen. Martin Wentz, Vizepräsident der IHK Frankfurt am Main, stellte in seiner Einleitung klar, dass ein kleinerer Treppenabgang zu den U- und S-Bahn-Stationen an der Hauptwache völlig ausreichen würde. Deshalb laute das Ziel, das "Loch" mittelfristig zu beseitigen. Zudem stellte Wentz die Frage in den Raum, ob die Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main (VGF) der richtige Betreiber für die Geschäfte in der B-Ebene sei.

Es folgte Prof. Dr. Wolfgang Sonne von der TU Dortmund, der ausführlich über die historische Funktion von Plätzen referierte. Der Platz erfülle das psychologische Bedürfnis des Menschen als Treffpunkt. Sonne bezeichnete die städtischen Plätze als "Bühnen des öffentlichen Lebens". Nicht ohne Grund wurden seit dem 16. Jahrhundert reale Plätze als Vorbilder für Bühnenbilder herangezogen.

Der Architekt Amandus Samsøe Sattler aus München äußerte programmatisch zum Hauptwachen-"Loch": "Man kann es schaffen, einen Unort in einer Stadt zu beseitigen." Als Beispiel präsentierte er das von seinem Büro neu konzipierte unterirdische Stachus-Einkaufszentrum in München. Die zuvor unübersichtlich verteilten Geschäfte wurden zu einer zentralen Ladeninsel zentriert. Die Gestaltung wurde homogen und hell ausgeführt. "Die Leute zeigten sich erst skeptisch gegenüber weißem Boden. Der würde so schnell schmutzig. In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall. Bei dunklem Boden bleibt der Dreck oft liegen, weißer Boden wird hingegen regelmäßig gereinigt." Auch hochwertige Materialien hätten eine pädagogische Wirkung. "Wenn man qualitativ hochwertige Materialien nimmt, werden diese besser erhalten. Es gibt weniger Graffiti und Zerstörungswut."

Zur abschließenden, von Rainer Schulze (FAZ), moderierten Podiumsdiskussion gesellten sich Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) und Michael Hootz, Abteilungsleiter im Stadtplanungsamt, hinzu. Oesterling begrüßte die vor Jahrzehnten getroffene Entscheidung, die Zeil zur Fußgängerzone zu machen. Doch, so fragten sich Zuhörer, ist die Zeil durch die Verbannung des Autoverkehrs wirklich ein urbanerer Ort als zum Beispiel die Berger Straße oder die Schweizer Straße geworden?

Oesterling jedenfalls erklärte, dass im Bereich der B-Ebene die gesamte Technik erneuert werden müsste. Hierfür dürften wohl 70 Millionen Euro bei einer Arbeitsdauer von drei Jahren anfallen. Doch bislang gäbe es hinsichtlich der späteren Gestaltung noch keine Beschlussfassung. Somit ist immer noch nicht entschieden, ob das "Loch" nun erhalten bleibt oder geschlossen wird. Es gäbe auch deshalb keinen Konsens darüber, so Oesterling, weil die CDU in letzter Minute der Koalitionsverhandlungen offenbar vom ursprünglich eigenen Ziel einer Schließung des "Lochs" wieder abgerückt sei. Die Frankfurter Mühlen mahlen langsam.

Als der CDU-Politiker Jochem Heumann mahnte, dass auch bei der Konstabler Wache trotz einstiger klarer politischer Beschlüsse bis heute nicht die Treppenstufen und das Podest abgebaut worden sind, tat dies Oesterling als Schnee von gestern ab. In Frankfurt gebe es, so Oesterling lapidar, die "Endgültigkeit des Provisorischen": "Die Verstetigung des Chaos gehört zu Frankfurt."

Michael Hootz erinnerte daran, dass es schon vor fast 20 Jahren zu einem Wettbewerb über die Neugestaltung der Hauptwache gekommen war. Schon damals war geplant, das Areal nördlich der Hauptwache zu schließen und damit wieder an den historischen Paradeplatz zu erinnern, der dort einmal existierte. Nur auf der Zeil aber wurden die Neuplanungen auch realisiert, indem man den Baumhain etwas lichtete und eine hellere Beleuchtung schuf. Statisch, so Hootz, sei eine Schließung des Deckels über dem "Loch" kein Problem. Allerdings wurde nun in der Koalitionsvereinbarung beschlossen, dass ein zweiter Wettbewerb nötig sei. Für diesen aber wurden wiederum immer noch keine Mittel bereitgestellt. Man warte auf Brandschutzgutachten und Gutachten zur Techniksanierung seitens der VGF. Die wiederum hat keine Eile und liefert nicht. Planungsstillstand also.

Martin Wentz platzte angesichts dieser Lethargie in Politik und Verwaltung der Kragen: "Seit 15 Jahren blockiert die VGF. Sollen wir warten, bis alles zusammenfällt, wie aktuell bei den Städtischen Bühnen?" Die Nordseite der Hauptwache verglich Wentz mit einer "Kloschüssel". Der Abgang sei in dieser Dimension völlig überflüssig. Man solle deshalb die Schließung des "Lochs" mit einem Deckel von der Sanierung der Technik im Inneren durch die VGF lösen. Sonst sei das ein ewiges "Ping-Pong-Spiel", bei dem nichts mehr voran gehe. Dabei gehe es nicht nur um das "Loch", sondern eine gesamte Neugestaltung des Hauptwache-Areals. Stufen und Podeste gehören beseitigt, das Pflaster neu gestaltet.

Wolfgang Sonne betonte die Formlosigkeit des "Loches" als Problem. Zudem fand er die B-Ebene funktional unnütz. Einkaufen könne man auch oberirdisch ausreichend. Auch Amandus Samsøe Sattler sprach sich gegen das Hauptwachen-"Loch" aus. Dort fände nichts statt, es werde nicht angemessen genutzt. Es sei nötig, dass nun endlich losgelegt werde. Gegenwärtig präsentiere sich die ganze unterirdische Hauptwache in einem "verlorenen Zustand". Das sehe man auch daran, dass dort regelmäßig repariert werde, aber die Deckenlamellen seien nicht mehr geschlossen. Alles wirke schmuddelig. Deshalb bedürfe es eines erfahrenen privaten Betreibers für die Organisation der Ladenzeilen und einer klaren Hausordnung.

Dem stimmte Michael Hootz prinzipiell zu. Es gäbe in der B-Ebene Pflegerückstand, mangelnde Sauberkeit und eine Ladenstruktur, die keine Bereicherung zu den oberirdischen Straßenflächen darstelle. Doch eine Lösung scheint immer noch nicht in Sicht. Die „Verstetigung des Chaos“ ist offenbar wirklich eine Frankfurter Spezialität.
 

Claus Wolfschlag